Die Brandstifter zündeln wieder

Es gibt so viele Konflikte, welche von den Zeitungen in schwarz und weiß, gut und böse, richtig und falsch gepresst werden, dass sie manchmal sogar vergessen, das zu tun, wofür sie eigentlich da sind: Aufklärung.

  • Dass sie zum Beispiel darüber berichten, wie es den Asylbewerbern geht, welche in deutsche Unterkünfte kommen.
  • Dass es eben kein gemütlicher Aufenthalt ist, auch wenn sie Geld für Essen bekommen und nicht selbst für die Miete aufkommen.
  • Dass es – bis auf den Gang zur Toilette und beim Duschen – keinerlei Privatsphäre gibt, weil sie alle in Gemeinschaftsunterkünften mit mehreren Betten pro Zimmer „wohnen“.
  • Dass es da, wo Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Mentalitäten auf engstem Raum zusammenkommen, nun einfach mal zwangsläufig zu Streit, Eskalation und Polizeieinsätzen kommt.
  • Dass es eben nicht einfach nur „die Asylbewerber“ sind, sondern Menschen; jeder einzelne mit seiner eigenen Geschichte.

Was sich aber die BILD-„Zeitung“ in den letzten Tagen geleistet hat, geht darüber sogar noch hinaus. Hier wird scheinbar mit voller Absicht in die Asylbewerber-Situation reingedroschen, dass einem fast die Worte fehlen – oder sogar Hass aufgrund dieser niederträchtigen „Berichterstattung“ aufsteigt.

Doch der Reihe nach: Grundlage für einen Artikel in der BILD waren vermutlich zwei Punkte:

  • Rettungssanitäter sehen sich immer häufiger Gewalttaten ausgesetzt, obwohl sie nur helfen wollen. Das hängt dann meist mit zu viel Alkohol und anderen Drogen zusammen, welche die Hilfsbedürftigen (und zugleich Täter) zuvor eingenommen haben. Das DRK in Dresden entschied sich daher, Stichwesten zum Schutz des eigenen Personals anzuschaffen.
  • Die Asylpolitik der letzten Jahre (aber auch Monate) hat dazu geführt, dass der enorme Anstieg an Flüchtlingen nicht vernünftig gehandhabt werden kann – es fehlen schlicht genug Unterkünfte. Die Folge aufgrund der katastrophalen Situationen im Gaza-Streifen, Syrien, Ukraine und Co.: überfüllte Auffanglager in Deutschland, zu wenig Unterkünfte für Asylbewerber und daher teilweise sogar die Notlösung, diese zeitweise in Gästehäusern und Hotels unterzubringen.

Dachte sich wohl die BILD: „Prima, kombinieren wir das Ganze doch einfach“

„Wir brauchen noch einen Schuldigen!“ – „Asylbewerber?“ – „Geniale Idee!“

Heraus kommt eine so kurzer wie perfider Bericht, in dem der Anschein erweckt wird, die Sanitäter des DRK müssen aufgrund der Asylbewerber eine Stichweste tragen. „Aus Angst vor Attacken im Asyl-Hotel“ titelt sie großspurig – und dabei gänzlich falsch. Denn diesen kausalen Zusammenhang gibt es schlicht nicht.

Die BILD-Zeitung ist sogar so dreist, die allgemeine Aussage des DRK-Chefs auf einen Artikel zu verlinken, der damit gar nichts zu tun hat:

„Aufgrund von Übergriffen in der Vergangenheit haben wir uns dazu entschieden.“. (Hervorhebung von mir / ist gleich der Verlinkung im BILD-Artikel)

Die Übergriffe beziehen sich auf die Sanitäter. Allgemein. „Macht nichts“, dachte sich wohl die BILD, „das bekommen wir schon umgemünzt“ – und verlinkt auf einen Beitrag vom 21.03.2014 mit dem Titel: „Messerstecherei in Asylbewerberheim“. Zitat: „Nach einer verbalen Auseinandersetzung gingen zwei Tunesier (29/37) gegen 1.15 Uhr mit Messern bzw. scharfen Gegenständen aufeinander los.“ 

In dem Artikel findet sich kein Wort zu Angriffen auf Rettungskräfte oder verletzte Sanitäter. Warum auch. Übergriffe auf Rettungspersonal ist dem DRK in dem Asylbewerberheim nämlich gar nicht bekannt.

Mit Absicht falsch?

So kommt es zu einer Tatsachen-verdrehende Darstellung von Sachverhalten, welche die Vorurteile gegenüber Asylsuchenden volle Breitseite weiter befeuert: Aus Angst vor Attacken in Asyl-Hotel (BILDblog).

Scheinbar hat das Ganze aber dort System – diesen Eindruck vermittelt der Bericht im lauterbautz’ner-Blog, der auch einen Bericht vom 6. September aufgreift. Das Schlimme daran: der geneigte BILD-Leser wird einmal mehr in seiner vorherrschenden Meinung bestärkt: alles Asoziale, Gewaltverbrecher und Schmarotzer da dort. Das zumindest zeigen die traurigen Kommentare, welche BILDblog zitiert oder nach wie vor unter dem Artikel direkt stehen.

Ich wünsche mir, dass Nachrichtenseiten (oder welche, die sich so nennen), sich der Wahrheit verpflichtet fühlen – und davon gibt es nur eine! Dass sie nicht die Fakten so hindrehen, gekonnt verschweigen oder sogar falsch kombinieren, um damit populistische und rassistische Vorurteile weiter zu schüren.

Was die BILD hier durchgezogen hat, ist in höchstem Maße verwerflich und abscheulich. Die Brandstifter zündeln wieder. Was für eine Schande.

  • Veröffentlicht in: Grant